Der Menschenfeind am Johannes-Kepler-Gymnasium
Wie nett doch die Leute zueinander sind- ein Feuerwerk verbaler Attacken entlarvt im Musiksaal des Johannes-Kepler-Gymnasiums Sein und Schein der feinen Gesellschaft zum Vergnügen des begeisterten Publikums. Molières bissige Gesellschaftssatire aus dem Jahre 1666 hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Aus diesem Schein der eitlen Freundlichkeiten, die jedem Anwesenden zuteil wird, will Alceste (Oleg Feldmann) ausbrechen. Er ist ehrlich. Er sagt jedem geradewegs ins Gesicht, was er von ihm hält und was er denkt. Das gehe doch nicht, versucht ihn Philinte (Antonio di Martino) zu belehren. Doch Alceste lässt sich nicht beirren und bald fühlt er sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und verfolgt, gerade wegen seiner Ehrlichkeit. Dass ausgerechnet er sich auch noch unsterblich in die knackige, zwanzigjährige Witwe Célimène (Carola Müller) verliebt hat, kompliziert seine Situation nur noch mehr, denn als echte Kokette lebt sie vom Spiel um Sein und Schein in der feinen Gesellschaft. Grün und blau könnte er sich ärgern, wenn er sieht, wie seine Angebetete mit diversen Anbetern scherzt und tändelt und es geradezu darauf anlegt, ihn zu peinigen, obwohl sie den Menschenfeind liebt. Doch Célimène hat die Rechnung ohne die Damen der Gesellschaft gemacht, die auch ein Auge auf den ehrlichen Alceste geworfen haben und nur darauf warten, sie vor seinen Augen bloßstellen zu können.
Beim ersten aberwitzigen Zusammentreffen bleibt Célimène noch Siegerin über ihre preziöse Kontrahentin Arsinoé (Edina Karsic). Die gibt jedoch nicht nach und zusammen mit den Möchtegern- Liebhabern Acaste, Clitandre und Oronte (Todor Krastev, Simon Paulwitz, Lukas Moser) gelingt es ihr, Célimène in die Enge zu treiben. Ihr doppeltes Spiel mit Liebhabern und Freund wird entlarvt. Sie, die die Gepflogenheiten der Gesellschaft, den Tratsch, so vorzüglich beherrscht und mit ihnen spielt, ist nun selbst das Opfer. Wie Alceste, der auf Ehrlichkeit bestand, steht nun sie, die stets der Mittelpunkt des Geschehens war, am Abgrund. Man könnte meinen, es gäbe gerade deshalb für die beiden eine Chance, doch ein Happyend ist ihnen nicht vergönnt. Weder hat Célimène die Kraft, die Stadt und die Gesellschaft zu verlassen, um mit Alceste in ein „ehrliches“ Landleben zu fliehen, noch ist seine Liebe groß genug, ihr zuliebe in der Stadt zu bleiben. So sehr auch das Publikum diesen beiden starken Figuren ihr Glück gönnen würde, für Molière bleibt das Ende offen. Die Theater AG unter der Leitung von Frau Spaeth-Goes hat mit diesem klassischen Theaterstück in der genialen Übersetzung von Hans-Magnus Enzensberger einen frechen, poetischen Theaterabend inszeniert. Hut ab vor dieser Leistung. Der Spielwitz, die Begeisterung der jungen Darsteller und die Pfiffigkeit des Textes garantieren einen Theaterabend, dessen bissige Reime und Verse noch lange nachhallen und amüsieren.
Stuttgart-Bad Cannstatt