Bei dem Skandal werd ich noch Bürgermeister
Dario Fo und Gebrüder Grimm am Johannes-Kepler-Gymnasium

Ein vergnügliches Wirrwarr an Missverständnissen fesselt das Publikum, wenn der Dieb aus Dario Fos Stück auf den Grimmschen Glücksknaben Felix trifft. Im Musiksaal des Johannes-Kepler-Gymnasiums versuchen von Mittwoch bis Freitag jeweils um 19.00 Felix, der Glückliche, die drei goldenen Haare des Teufels zu ergattern, und der Dieb, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Mächtig schlechter Laune ist der goldbefrackte König (Robin Rösslein, 6b) im Märchen der Gebrüder Grimm, als er von Bauernweibern hören muss, dass der Neugeborene des Ärmsten die Tochter des Königs zur Frau haben soll. Unerhört, dabei hatte er sich doch nur etwas ausruhen wollen. Ein kleiner Pakt mit dem Teufel, man will sich als König ja nicht die Hände schmutzig machen, soll Abhilfe schaffen. Aber wie so oft, erreicht der Teufel, der das Böse will, einmal mehr nur das Gute, und der im Wasser ausgesetzte Findling Felix macht seinen Weg und wird, wie zu erwarten mit der Tochter des Königs vermählt. Bis dahin aber muss Felix (Gerit Fehrmann, 6a) geradewegs durch die Hölle. Ein Wirbel an gestalterischen Einfällen: Mühlrad und Sternenbahnen, Wackersteine und riskante Flussüberquerungen begleiten den Weg des Helden, bis er mit seiner Prinzessin glücklich auf dem Thron sitzen kann, während der raffgierige König freiwillig unfreiwillig seiner gerechten Strafe entgegen zieht. Nach der Umbaupause und freundlich bewirtet beginnt der zweite Teil des Abends mit dem Stück des Nobelpreisträgers Dario Fo: Der Dieb, der nicht zu Schaden kam. Es ist dunkel. Ein Taschenlampenstrahl sucht sich seinen Weg durchs Dunkel. Eine Standuhr, ein Aktenschrank, ein Sofa. Im kreisenden Lichtkegel nimmt der Einbruch Gestalt an. Dann klingelt das Telefon. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst mich nicht anrufen, wenn ich auf Arbeit bin.“, fleht der Einbrecher (Todor Krastev) seine resolute Gattin (Carola Müller) an, doch die hat andere Pläne: „Bringst du mir auch etwas mit?“ Über diesem wahnwitzigen Dialog vergeht die Zeit im Flug und der Dieb kann sich gerade noch in die Standuhr retten, ehe der Wohnungsinhaber (Maximilian Grimm) mit seiner neuen Flamme (Simone Hufnagel) sein Reich betritt. Leider ist die neue Flamme nicht so leicht herumzukriegen, wie er sich das vorstellt. Und dann klingelt auch schon wieder das Telefon: seine Frau? Kurz darauf stürzt auch noch der Dieb, von den Stundenschlägen der Standuhr vertrieben, aus dem Uhrenkasten und bittet um essigsaure Tonerde für seine Beulen. Eine aberwitzige Komödie der Missverständnisse beginnt mit den Lachmuskeln der immer ausgelassener miterlebenden Zuschauer zu spielen. Jedes Wort ein Gag, jeder Satz ein Pointe. Wer ist nun die Geliebte oder die Frau von wem? Am Ende stehen drei Paare auf der Bühne, das Chaos ist perfekt, bei dem es dennoch jedem dieser ehrenwerten Bürger gelingt es, seine Facon zu wahren. Dario Fos Komödie um bürgerliche Werte und Politik ist treffsicher und erhellt gerade durch ihre überspitzten Figuren die Welt von heute. So treffen sich, wie das in den Theaterabend einführende Gespräch Dario Fos mit Jakob Grimm angedeutet wurde, zwei Autoren, die mit Ehrungen überhäuft wurden, aber auch immer wieder aneckten, ihres Heimatlandes verwiesen oder aber ins Gefängnis gesteckt wurden. Es ist also nicht nur ein entzückender Märchen- und Komödienabend, es ist auch eine Satire auf die Werte unserer Welt. Ingrid Scheiber und Frau Spaeth-Goes ist damit ein Theaterabend gelungen, der wirklich jeden anspricht. Jeder kommt auf seine Kosten und kann sich das mitnehmen, was er gerade braucht. Die Begeisterung der Besucher der Generalprobe am Montag sagte das ihre. Dieser Theaterabend wird ein voller Erfolg, man kann den begeisterten und begeisternden Schauspieler nur wünschen, dass sich keiner diesen vergnüglichen Abend nicht entgehen lässt.
Stuttgart-Bad Cannstatt