Ich bin dann mal weg
Maß für Maß am Johannes-Kepler-Gymnasium
„Ich bin dann mal weg“ spricht der Herzog in der Aufführung von William Shakespeares Maß für Maß am Johannes-Kepler-Gymnasium und überlässt sein Land dem Chaos, das der Statthalter Angelo mit dem Versuch das Recht durchzusetzen anrichtet. Maß für Maß ist zwar das hehre Ziel, aber doch wird immer mit zweierlei Maß gemessen. Ein tiefgründiges ironisches Spiel gerade mit diesem Messen mit zweierlei Maß deckt in dieser bewegenden Aufführung die Abgründe der Gesellschaft und der menschlichen Seele auf. Stark der Beginn des Stücks. Drei Schauspieler treten vor die beklemmende Kulisse. Die Figuren erscheinen in ihrer Welt genauso eingemauert zu sein wie in dem strengen Gesetz, dessen Durchsetzung der Herzog Vincentio (Lukas Moser) seinem Statthalter Angelo (Dominik Schiefer) überlässt. Keine der Figuren scheint reden zu wollen. Ist Reden schon die Angst durch irgendein falsches Wort schuldig zu werden? Wie leicht diese Schuld den Einzelnen trifft, zeigt sich gleich in der ersten Amtshandlung Angelos: Er verurteilt den Edelmann Claudio (Sebastian Kurmies) wegen seiner Liebesbeziehung mit Folgen zu Tode, obwohl dieser seine Geliebte heiraten will. Gleichzeitig beschließt Angelo dem unzüchtigen Leben in der Stadt ein Ende zu setzen. Nicht nur Straßenmädchen und Kuppler werden den rigorosen Normen des Gesetzes unterworfen. Plötzlich ist niemand mehr sicher. Wer hat keine Schuld? Dort hat einer ein uneheliches Kind, hier einer eine Liebschaft, da war schon einmal einer bei Madame Overdone (Juliane Spank) und hat sich ihrer Dienste erfreut. Jeder ist also in Gefahr. Doch Angelo räumt auf und lässt sich auch von einer weiseren Dame des Staatsrats Escala (Edina Karsic) nicht aufhalten. Dann aber beginnt das Messen mit zweierlei Maß. Die Novizin Isabella (Simone Hufnagel), von dem als Mönch verkleideten Herzog, wie könnte es auch anders sein, auf die Not ihres Bruders aufmerksam gemacht, bittet bei Angelo um ihres Bruders Leben. Angelo kann den unschuldigen Augen dieser Novizin nicht widerstehen und macht ihr kurzer Hand ein unzüchtiges Angebot: eine Liebesnacht gegen das Leben ihres Bruders. Innerlich aufgewühlt, fasziniert und doch auch wieder moralisch entrüstet, wendet sich die angehende Klosterschwester an ihren Bruder. Zuerst stimmt dieser ihr zu, aber in dem Augenblick, als er ihr zustimmt, merkt er, wie süß dieses Leben doch ist und fleht seine Schwester an, das Angebot anzunehmen und sein Leben zu retten. Isabella ist verzweifelt, was soll sie nur tun? Der Mönch-Herzog bietet die Lösung: Angelo soll in der Liebesnacht seine frühere Braut untergeschoben werden, die er wegen der geringen Mitgift sitzen gelassen hatte. Der Plan gelingt. Und jetzt ist es an der Zeit, dass der Herzog sich zu erkennen gibt und Gericht hält über den sittenstrengen Richter Angelo. Doch es wird keine wahres Happyend. So einfach sieht Shakespeare die Lage nicht. Begnadigt werden zwar letztendlich beide Übeltäter. Claudio heiratet überglücklich seine Julia (Constanze Hirsch), Angelo unter Zwang seine Exbraut Mariana (Julia Kurmies). Und der Herzog? Er nötigt Isabella sanft drängend, ihn zu heiraten. Spannend und entlarvend wie Shakespeare in seiner Tragikkomödie seine Fäden spinnt. Am Ende bleiben die Hautfiguren Isabella und Angelo in dieser Inszenierung alleine auf der Bühne stehen, schweigsam, keines Wortes mehr mächtig. Sie bleiben die Gefangenen eines Systems, in dem sich der moralische Rigorismus selbst richtet. Er fordert Gesetzestreue ein, dreht aber diese Gesetze gleichzeitig nach dem Willen der Mächtigen so, wie es diesen passt. Einer bleibt dabei immer das Opfer. Frau Spaeth-Goes setzt mit dieser ausgezeichneten Aufführung einen letzten Glanzpunkt auf mehr als 20 Jahre Theaterarbeit am Johannes-Kepler-Gymnasium. Viele Jahre hat sie es verstanden, ihre Schüler an die Theaterarbeit heranzuführen, sie für das Spielen zu gewinnen und sie gleichzeitig für die Möglichkeiten von Literatur zu begeistern. Sie nimmt mit dieser Aufführung Abschied von der Theaterarbeit an der Schule, sicher mit einem weinenden Auge, aber auch mit einem lachenden, denn die Theaterarbeit wird weitergehen. Ihrer Arbeit ist es zu verdanken, dass das Johannes-Kepler-Gymnasium inzwischen zwei Theatergruppen besitzt und in der Oberstufe sogar den Kurs Literatur und Theater anbieten kann. Die Schule dankt ihr für all die wunderbaren Aufführungen mit denen sie jedes Jahr das Schulleben bereicherte. Noch einmal brandet lang anhaltender Beifall auf als Dank für diese Regisseurin und ihre Schüler, die ihr mit ihrem intensiven Spiel eigentlich das schönste Abschiedgeschenk gemacht haben.
Stuttgart-Bad Cannstatt