Nashörner zertrampeln Katze

Niedliche kleine Katze im Musiksaal des Johannes-Kepler-Gymnasiums von Nashörnern zertrampelt. Drei Tage lang war dies wohl die aktuellste Meldung am vergangenen Wochenende aus dem Theatersaal des JKG. In "DIE NASHÖRNER" setzt sich der Autor Eugène Ionesco mit seinen Erfahrungen mit dem deutschen Totalitarismus zur Zeit des dritten Reiches auseinander. Diese Inszenierung war die erste, die die Theater AG des Johannes-Kepler-Gymnasium als Projekt im Rahmen der Stiftung "Zukunft der Jugend SCHRITTE STATT TRITTE" zur Aufführung gebracht hat. In einer ruhigen Kleinstadt wird die Markt und Kaffeehausidylle jäh durch ein vorbeibrausendes Nashorn gestört. War es nun ein indisches oder ein afrikanisches Nashorn, so die erste verwunderte Analyse Behringers, glänzend gespielt von Pascal Pöschko. Behringer kann diesen Auftritt der Dickhäuter selbst nach dem Tod der besagten Katze einfach nicht ganz ernst nehmen, auch wenn es darüber mit seinem besten Freund Hans (Florian Steichele) zu einer aggressiven Auseinandersetzung kommt. "Sie, Asiate!" Mit diesem Schimpfwort verabschiedet sich dieser von seinem besten Freund. Die Zahl der Nashörner nimmt bedrohlich zu. Selbst Frau Wisser (Therese Bauer), die glaubt alles zu sehen und zu wissen, muss die Existenz der Tiere am Ende zugeben, als sie miterlebt, wie Frau Ochs (Manjusha Palsule-Desai) in einem sie verfolgenden Nashorn ihren eigenen Mann erkennt, diesem kurzerhand auf den Rücken springt und wie eine Amazone auf ihm davonbraust. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Immer mehr Menschen werden Nashörner. Verzweifelt besucht Behringer seinen Freund Hans. Doch dieser ist krank. Heiser ist seine Stimme, ein merkwürdiges Röcheln und eine zunehmend olivgrüne Gesichtsfarbe zeichnen den Kranken aus. Trotzdem lässt er nicht zu, dass Behringer einen Arzt ruft. Behringer ist blind, bis zum Angriff des völlig zum Nashorn verwandelten Freundes. Schockiert rettet er sich in seine eigenen vier Wände.Ist er der letzte Mensch? Noch hat er die Hoffnung, die Menschheit mit seiner Freundin Daisy (Judith Bäuerle) zu retten. Schließlich sei dies ja schon einmal geschehen. Doch Daisy winkt ab. Aus Kindern mache sie sich nichts, die störten nur. Fasziniert beobachtet sie die das Haus umkreisenden Dickhäuter. Sie vernimmt ihre Gesänge. Auch sie gesellt sich zu ihnen. Allein geblieben erliegt auch Behringer der Versuchung Nashorn zu werden. Aber diese Sehnsucht nach Anpassung ist vergeblich. Er bleibt Mensch. Er wird sich verteidigen. Der Vorhang fällt. Beeindruckend zeigt die Theater AG unter der Regie von Frau Spaeth-Goes die Folgen von Anpassungsdruck und Gewalt. Das Bühnenbild (Frau Reith) verstärkte noch seine Aussage: auf einem riesigen Bett vollzieht sich die Verwandlung des besten Freundes, Schattenrisse und Nashornköpfe vermitteln den Eindruck des Bedrängtwerdens und der Ausweglosigkeit Behringers. Nashörner, so ist man sich sicher, rennen auf unseren Straßen, sitzen in unseren Klassenzimmern, allenthalben. Immer haben sie etwas mit Gewalt oder Dummheit im Umgang mit anderen Menschen zu tun. Deshalb die Forderung Behringers auch angesichts der Ausweglosigkeit: Sei dir zu gut, Böses zu tun! Schreite ein! Zeige Grenzen! Gib andere Beispiele, übe dich darin, nicht feige zu sein. Eine Aufforderung, deren Notwendigkeit diese Aufführung eindrücklich unterstreicht
Stuttgart-Bad Cannstatt